Weltmeisterliches Barpiano


Der Jazzer Andy Lutter spielt im Bayerischen Hof

 

So viele gute Jazzmusiker gibt es in München und so wenig Möglichkeiten, groß heraus zu kommen. Der Komponist und Pianist Andy Lutter ist so ein langjähriger Szene-Insider, den eigentlich – schon allein wegen seiner Qualität – jeder Münchner Musikfreund auf der Rechnung haben müsste, der aber irgendwie ein Geheimtipp geblieben ist. Der feinfühlige Pianist und Keyboarder, der in München, Boston (an der renommierten Berklee School) und Berlin Jazzpiano und -arrangement studiert und das mit einer klassischen Kompositionsausbildung am Richard-Strauss-Konservatorium veredelt hat, tanzt auf vielen Hochzeiten, vor und hinter den Kulissen. So ist er seit sechs Jahren Vorsitzender der Jazzinitiative München (J. I. M.) und als solcher die graue Eminenz des jährlichen Münchner Jazzfests.

 

Breitenwirksamer war aber wohl seine Arbeit als Kabarettpianist. „Mit 16 war ich eigentlich mehr so auf der Liedermacher-Schiene und habe viel gesungen. Deshalb war ich nach dem Abitur ständig in der Lach- und Schießgesellschaft.“ Bei Werner Schneyder fing er an und war bald auch bei anderen gefragt. „Das lief dann so ab, dass man einen Text bekam und möglichst am nächsten Tag ein fertiges Stück abgab.“ 1999 begleitete Lutter das letzte Ensemble vor seiner vorübergehenden Auflösung. Danach arbeitete er mit Simone Solga und Klaus-Peter Schreiner weiter. In dieser Nische kam Lutter die stilistische Offenheit zugute, die ihn auch als Sideman und bei seinen eigenen Bands vom Trio oder Quartett bis zu Drum For Your Life (mit Rudolf Roth) oder dem Rose Island Jazz Ensemble auszeichnet: Die abendländische Musiktradition ist sein Fundament, die amerikanische Popularmusik vom Jazz bis zum Pop ist ihm vertraut, aber sein besonderes Interesse gilt den folkloristischen und ethnischen Besonderheiten der Musik.

 

All das darf Lutter nun im WM-Monat Juni nach Belieben ausspielen, wenn er jeden Freitag und Samstag von 19 bis 22 Uhr im Nightclub des Bayerischen Hofs solo zu erleben ist. Das große Publikum erreicht er da nicht, die nach oben dringenden Klaviertöne sollen die ersten Gäste (womöglich die im Haus einquartierten Fifa-Funktionäre) in den Nightclub locken, bevor nachts die Tanzbands aufspielen. „Aber ich genieße das unheimlich, einmal einfach Klavierspielen zu können, ganz ohne Vorschriften. Zu Hause ist das schon wegen der Kinder schwierig.“ Lutter geht auf Distanz zum üblichen Barpiano, wo Hit auf Hit folgt: „Sicher, das Ganze ist Unterhaltung, mit Standards und auch mal auf Wunsch. Aber weitgehend improvisiere ich nach Herzenslust oder übe eigene Stücke ein. Und zumindest die erste Dreiviertelstunde geht es Keith-Jarrett-mäßig nonstop dahin.“ Es dürfte sich lohnen, dabei mal zuzuhören.

 

OLIVER HOCHKEPPEL

 

(SZ, Münchner Kultur, Mittwoch, 7.Juni 2006)

 





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